Synästhetische Architektur
Reportage

Synästhetische Architektur

Die Ansprache aller fünf menschlichen Sinne ermöglicht eine Wahrnehmung auf emotionaler Ebene, die derzeit vorwiegend im Bereich des Marketings genutzt wird. Doch auch die Architektur öffnet sich zunehmend dem Einsatz multisensorischer Mittel, um ganzheitliche Raumerlebnisse zu erzeugen, wie das Beispiel der „Villa Linari“ in Hamburg zeigt, bei der Architektur, Licht und Duft eine geradezu symbiotische Einheit bilden.

Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen, Hören: Der Mensch ist ein Wesen mit fünf ausgeprägten und überaus feinfühligen Sinnen. Dennoch steht heute – von Architektur über Design bis hin zu Neuen Medien – vor allem die Optik im Fokus der Aufmerksamkeit. Wie viel größer und interessanter die Welt jedoch sein kann, wenn sie all unsere Sinne anspricht, erkennen neben Marketing-Experten auch zunehmend Architekten. Schließlich beschränkt sich die Wahrnehmung eines Raumes nicht nur auf das Sehen. Auch der Geruch, die Haptik und die Akustik bestimmen maßgeblich, wie ein Raum empfunden wird. Und tatsächlich sind es vor allem die nicht sichtbaren Faktoren, die uns auf der unbewussten, emotionalen Ebene maßgeblich beeinflussen, weiß Rainer Diersche. Der Designer und Wirtschaftsingenieur gründete 2001 das Unternehmen „Linari“, das auf hochwertige, exklusiv kreierte Raumparfüms spezialisiert ist.

Eine eigens installierte Beduftungsanlage ermöglicht es, jedem Raum einen Duft zuzuordnen. Im Zusammenspiel mit Licht und Architektur entsteht so ein multisensorischer Raumeindruck.

Eine eigens installierte Beduftungsanlage ermöglicht es, jedem Raum einen Duft zuzuordnen. Im Zusammenspiel mit Licht und Architektur entsteht so ein multisensorischer Raumeindruck.

Als es darum ging, sein eigenes Haus in Hamburg zu gestalten, hatte Diersche bereits konkrete Vorstellungen, sowohl hinsichtlich der Architektur des Gebäudes, als auch bei der Realisation einer sensitiven Ansprache in den Innenräumen durch Licht und Duft. „Die Düfte meiner Firma sind sehr puristisch. Das sollte sich auch im Haus widerspiegeln“, so der Bauherr. „Dementsprechend habe ich einen Architekten gesucht, der das technische Knowhow besitzt, aber auch eigene Ideen mit einbringt.“ Gefunden hat ihn Rainer Diersche in Thomas Dibelius, Inhaber des Büros Dibelius Architekten in Hamburg. Dieser konzipierte einen zweigeschossigen kubischen Bau, der zur Straße hin geschlossen wirkt, sich aber nach hinten, zum Garten heraus, in großen Glasfassaden öffnet. Der Innenraum ist in Weiß gehalten, das Erdgeschoss ein großer offener Bereich, in dem die verschiedenen Zonen nahtlos ineinanderfließen. „Die Räume sollten formal auf ein Minimum reduziert sein“, sagt Rainer Diersche. „Mir war es wichtig, dass die Accessoires und das Licht die Hauptakteure sind.“ Als Werkzeuge für das variable Licht kommen Quintessence varychrome Downlights und Wandfluter von ERCO zum Einsatz. Die LED-Leuchten mit RGBW-Farbmischtechnik bieten eine Bandbreite von hochgesättigtem farbigem Licht über Pastelltöne bis zu weißem Licht mit hervorragender Farbwiedergabe.

Man sollte nicht nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, sondern mit offener Nase

Insbesondere die Wandfluter lassen den offenen Innenraum durch die vertikale Beleuchtung der Wandflächen wie aus sich selbst heraus leuchten. Ein DALI-basiertes Lichtsteuersystem kann programmierte Lichtszenarien auf Knopfdruck abspielen, erlaubt aber auch, das Licht ganz nach Bedarf manuell einzustellen. „In jedem Raum hat man die Möglichkeit, die Lichtfarbe individuell zu definieren. Zum einen über Lichtschalter, zum anderen aber auch über Smartphone und WLAN“, sagt Diersche. Zusätzlich zur individuellen Beleuchtung ließ der Bauherr eine Anlage installieren, über die alle Räume unterschiedlich beduftet werden können.

„Mir war es wichtig, dass die Accessoires und das Licht die Hauptakteure sind“, so der Bauherr Rainer Diersche. Der minimalistisch reduzierte Innenraum wird durch die farblich variable Beleuchtung dynamisch in Szene gesetzt.

„Mir war es wichtig, dass die Accessoires und das Licht die Hauptakteure sind“, so der Bauherr Rainer Diersche. Der minimalistisch reduzierte Innenraum wird durch die farblich variable Beleuchtung dynamisch in Szene gesetzt.

So gibt es beispielsweise einen Weihnachtsduft oder passend zur Sommerzeit fruchtige, florale Düfte. „Die Wahrnehmung eines Raumes unterscheidet sich enorm, abhängig vom Duft“, erklärt Diersche. „Es gibt verschiedenste Ingredienzien, die einen Eindruck verändern können. Düfte können beruhigend wirken oder auch anregend. Im Grunde geht es darum, ob ein Duft zu einem Raum oder einem Raumeindruck passt. Wie wichtig der Duft wirklich ist, merkt man meist erst, wenn ein Unwohlgeruch in einem Raum herrscht.“

Wirkung im Unbewussten
Noch wird das Prinzip der multisensorischen Ansprache im Bereich von Privathäusern selten angewendet. Synästhetische Architekturen findet man vorwiegend in Hotels, Shops oder bei temporären Rauminstallationen. Vor allem im Bereich des Marketings setzt die Branche zunehmend auf psychologische und neurologische Erkenntnisse. Demnach soll der Konsument nicht nur durch Raumgestaltung, sondern auch durch Lichtstimmungen, Düfte und Musik in seinem Kaufverhalten beeinflusst werden. Neurowissenschaftler beobachten mit Verfahren wie zum Beispiel der Magnetresonanztherapie, was im mensch lichen Gehirn bei Kaufentscheidungen passiert. Das eindeutige Ergebnis: Die Entscheidung folgt nur scheinbar rationalen Kriterien, der eigentliche Kaufimpuls wird durch Emotionen und Stimmungen ausge löst. Denn während alles, was wir über unsere Augen wahrnehmen, in einem relativ bewuss ten Areal des Gehirns verarbeitet wird, wirken Geruch, Geschmack und auch die Empfindung von Lichtstimmungen auf der emotio nalen, meist unbewussten Ebene. Und so kann es vorkommen, dass einem beim Gang zur Bäckerei durchaus bewusst ist, dass der verströmte Brötchen-Duft ein Marketing-Trick ist, und dennoch empfindet man den Duft als angenehm und bekommt Appetit. Es wirkt also, ob wir wollen oder nicht. Denn die Nase arbeitet permanent – selbst im Schlaf leitet sie fortwährend Geruchsinformationen direkt in bestimmte Zentren des Gehirns, in denen Emotionen und Stimmungen verarbeitet werden. „Man sollte nicht nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, sondern mit offener Nase“, sagt Professor Hanns Hatt. Der Inhaber des Lehrstuhls für Zellphysiologie an der Ruhr-Universität Bochum gilt durch seine Entdeckungen menschlicher Riechrezepto ren und der Wirkung von Gerüchen beim Menschen als führender Experte für Geruchsfor schung. „Ich lege jedem nahe, sich beim Betreten eines Raums nicht nur umzuschauen, sondern auch ‚umzuriechen‘. Denn damit erfährt man eine völlig unbekannte Welt, die zwar nicht sichtbar ist, uns aber umgibt und beeinflusst.“ Nach Ansicht Prof. Hatts bestimmt das Olfaktorische maßgeblich unsere Raumwahrnehmung, möglicherweise sogar mehr als die Optik. So weiß man inzwischen, dass Düfte sehr stark mit Erinne rungen aus unserer Kindheit verknüpft sind. Vanille oder Lavendel können ganz ursprüngliche Gefühle der Geborgenheit und des Vertrauens auslösen, die anschließend mit der gegenwärtigen Situation – und damit mit dem Raum oder dem Produkt – verknüpft werden. Das Ergebnis ist eine positive emotionale Assoziation, die in den meisten Fällen völlig unbewusst ist. Dennoch ist der Einsatz von Düften eine äußerst diffizile Angelegenheit. „Weit verbreitet ist der Gedanke: Viel hilft viel“, erklärt Prof. Hatt. „Das Gegenteil ist der Fall: Zu hohe Konzentrationen führen dazu, dass der Duft in Augen und Nase sticht.“ Auch

Warm-Kalt-Kontrast: Synästhesie zwischen Beleuchtung, Materialien und Temperatursinn kommt im Wellness-Bereich zur Anwendung. Auf mehreren sensorischen Ebenen hebt sich die Sauna trotz der transparenten Wände vom Nassbereich ab.

Warm-Kalt-Kontrast: Synästhesie zwischen Beleuchtung, Materialien und Temperatursinn kommt im Wellness-Bereich zur Anwendung. Auf mehreren sensorischen Ebenen hebt sich die Sauna trotz der transparenten Wände vom Nassbereich ab.

Auch die Qualität der Düfte sei entscheidend: „Es gibt Düfte, die fast nur aus billigen Lösungsmitteln bestehen, gemischt mit etwas synthetischen Duftstoffen. Diese reizen zusätzlich zu unserem Riechsystem auch den Warn- und Schmerznerv Trigeminus, sodass Kopfschmerzen und Übelkeit entstehen können.“ Um einen positiven Effekt zu erzielen, empfiehlt der Wissenschaftler, vor allem qualitativ hochwertige Düfte aus reinen ätherischen Ölen einzusetzen, in einer niedrigen Konzentration, die nur knapp über der Wahrnehmungsschwelle liegt.

Multisensorische Raumgestaltung – eine große Kunst
Im Bereich der Raumgestaltung können multisensorische Mittel also im Sinne einer synästhetischen Architektur gezielt und aufeinander abgestimmt eingesetzt werden, sodass eine bewusst-intensive Raumerfahrung generiert werden kann, die zu einem ganzheitlichen Wohlbefinden führt. Der Begriff „Synästhesie“ stammt dabei eigentlich aus der Psychologie und bezeichnet eine Wahrnehmungsstörung, bei der Sinnesreize „fehlerhaft“ miteinander verknüpft werden.
Es entsteht zum Beispiel der Eindruck, Farben schmecken zu können, Musik oder Düfte zu sehen. Dieses Empfinden kann unter Umständen auch durch eine intelligente Kombination multisensorischer Mittel in synästhetischen Raumkonzepten hervorgerufen werden – in diesem Fall aber als bewusstes, sinnliches Erlebnis. Selbstredend werden dabei nicht alle Sinne gleich stark angesprochen. Auf die Mischung und die Intensität kommt es an. Farbe, Form, Licht, Haptik, Material, Geräusche und Düfte ergeben im Idealfall eine optimale Kombination. Eine große Kunst, die leider nicht immer gelingt. So gibt es eine ganze Reihe von Faktoren, die das Spiel mit den Sinnen ins Gegenteil verkehren können. Jeder Mensch besitzt beispielsweise eine ganz eigene, individuell geprägte „Dufthistorie“. Es gibt Düfte, die mit angenehmen Situationen verknüpft sind, aber auch vermeintlich schöne Gerüche können für bestimmte Personen unangenehm sein, je nachdem, was sie damit assoziieren.
Kontraproduktiv ist es auch, wenn Widersprüche zwischen zwei Sinnesempfindungen entstehen: Sehen wir einen PVC-Boden mit realistisch nachgebildeter Eiche-Optik, übermittelt unser Sehnerv die Information „Holzboden“. Erst beim Betreten des Bodens spürt man den Unterschied: Er gibt nach, der antizipierte Klang von Schritten auf Holz bleibt aus, der Nutzer fühlt sich unbewusst „betrogen“. Dies bestätigen auch Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen: Die Forscher fanden heraus, dass das Gehirn aus unterschiedlichen Sinneseindrücken ein sensorisches „Bild“ formt. Ist dieses aber über die verschiedenen Sinne hinweg inkonsistent, werden diese „falschen“ Bilder ausgeschlossen, also als unwahr identifiziert. Sozusagen eine demokratische Entscheidung der Sinne, wobei der Sehnerv den stärker unbewusst wirkenden Sinnen häufig unterlegen ist.

Intensives Erleben wird erinnert
Was diese Erkenntnisse für die Architektur bedeuten, kann man am ehesten an temporären Räumen wie zum Beispiel Messeständen ablesen, wo multisensorische Mittel als Element der Raumgestaltung bislang vorwiegend eingesetzt werden. Ein Beispiel für ein gelungenes synästhetisches Konzept war ein Stand des Fachbereichs Innenarchitektur der FH Coburg im Rahmen der „Designale“ auf der Verbrauchermesse „Heim & Handwerk“ in München: „Lichtwelten“ entführte die Besucher in verschiedene Farbzonen, die gleichzeitig gefühlt, gehört und gerochen werden konnten. So wurde etwa grünes Licht mit dem Duft von frisch gemähtem Rasen kombiniert. Ein anderes multisensorisches Erlebnis konnten die Zuschauer des Thea terstücks „Die Gesellschaft der Düfte“ im „Casa max Theater“ in Köln erleben: Die Auf führung des Stücks nach Motiven von Patrick Süsskind durch das „teAtmo“ Ensem ble wurde unterstrichen durch eine intensive Lichtbespielung, zu der szenisch genau vorprogrammierte Duftdosierungen aktiviert wurden. Bei einem Grundduft von Blüten und Früchten wurde beispielsweise bei einer Klinikszene der typische Geruch nach Desinfektionsmitteln abgegeben, um das Geschehen auf der Bühne emotional zu verstärken. Die „Duftre gie“ beider Projekte stammt von der Neusser Agentur „Magicbox“, die Wahrnehmungskonzepte für den Bereich der Live-Kommunikation entwickelt. „Die Menschen reagieren in multisensorisch bespielten Räumen deutlich intensiver“, berichtet Elke Kies, Inhaberin der Agentur, von ihren Erfahrungen. „Die Erlebnisintensität ist stärker und auch die Erinnerungsfähigkeit ist sehr viel höher.“

Was in Marketing, Kunst und temporärer Architektur bereits gang und gäbe, hält nun auch vorsichtig Einzug in den Bereich der Baukunst. Weg vom reinen „Sehen“, hin zum ganzheitlichen Empfinden eines Raums, könnte die Devise lauten. Denn selbst wenn Sinneseindrücke wie Akustik oder Duft nicht gezielt eingesetzt sind, sind sie doch vorhan den. Und werden wahrgenommen. „Duftfreie Räume gibt es nicht, jeder Raum besitzt von sich aus einen Duft“, sagt Prof. Hatt. „Durch die Möbel, die Teppichböden, vor allem durch die Menschen im Raum und deren Kleidung.“ Vor diesem Hintergrund scheint es also sinnvoll, den Fokus in der Raumgestaltung nicht allein auf die Optik zu legen, sondern auch multisensorische Mittel wie Duft, Klang und Licht bewusst mit einzubeziehen, um ein ganzheitliches Raumerlebnis zu schaffen. „Ich kann mir vorstellen, dass schon bald eine stärkere Symbiose zwischen den Disziplinen stattfindet“, sagt abschließend Rainer Diersche. „Durch die LED-Technologie werden völlig neue Möglichkeiten beim Licht geschaffen und auch bei der Beduftung glaube ich, dass zurzeit ein Umbruch stattfindet. Ich vermute, dass beides im Sinne einer synästhetischen Architektur in Zukunft eine Einheit bildet. Wir sind auf dem richtigen Weg, doch man muss der Sache noch etwas Zeit geben.“

Katja Neumann, Mai 2013

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